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Buddhas kleiner Finger
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 01.05.2001, Serie: Belletristik, Autor(en): Viktor Pelewin, Verlag: Keine Angabe, Seiten: 422, Erschienen: 2000, Preis: 16,90 DM

Pjotr Pustota, ein Bohemien aus St. Petersburg, gerät im Jahr 1919 während seiner kokaingefärbten Irrfahrten durch Nachtclubs und Salons zwischen die Fronten der weißen und roten Bürgerkriegstruppen, die um die Vorherrschaft im revolutionären Russland kämpfen. Sein Kamerad, der legendäre Offizier Wassili Tschapajew, nimmt ihn zur Front mit. Unterwegs suchen Pustota jedoch seltsame Träume heim, in denen er sich als Patient in einer psychatrischen Anstalt befindet - in einer ihm unbekannten Zukunft, dem postsowjetischen Rußland. Pustota muss sich bald die Frage stellen, was Realität ist - sein Alltag in der Psychatrie oder seine grotesken Erlebnisse an der Seite Tschapajews.
Viktor Pelewin, der junge russische Literaturstar, macht sich in diesem Roman über das Russland der Neunziger Jahre lustig - vor allem über den sogenannten "neuen Russen", den er als ein "Mittelding zwischen Bandit und Bankier", als "Bandier" bezeichnet. Im Chaos des marktwirtschaftlich desorganisierten Russlands erscheint eine Gestalt wie Offizier Tschapajew ebenso absurd wie Arnold Schwarzenegger, der in seiner klassischen Terminator-Rolle auftritt - als Symbol der das Land überschwemmenden westlichen Hollywood-Kultur, die sich nahtlos mit sowjetischen Mythen und der allgegenwärtigen Anbetung des gnadenlosen kapitalistischen Umbruches verbindet. Besonders beeindruckend ist in diesem Zusammenhang die Szene, in der ein leicht verwirrter russischer Geschäftsmann einem Japaner auf dem Leim geht, der seine Firma nach alter Samurai-Tradition betreibt - eine hervorragende Persiflage auf die heute längst überholten Ängste vor einem japanisch dominierten Kapitalismus.
Leider versucht Viktor Pelewin darüber hinaus, seiner Groteske einen philosophischen Anstrich zu geben. Pustotas Schwanken zwischen zwei unterschiedlichen "Realitäten" veranlasst den Autor zu den üblichen, altbekannten Gedankenspielchen der griechischen und fernöstlichen Philosophie. Da wird am Lagerfeuer über Platons Höhlengleichnis palavert, und auch Zhuang Zis Gleichnis vom träumenden Schmetterling fehlt nicht. Das alles ist freilich nicht neu, bleibt zudem nebulös und unausgereift - kurzum: philosophisches Geschwafel, das Pelewin sich hätte verkneifen können.
So bleibt der Roman episodenhaft und zerrissen, die Gesamtkomposition mangelhaft. Dennoch: Es gibt Szenen von hinreißender Komik, die eine erfrischende Abwechslung zu angloamerikanischen Romanen bietet. Nur selten findet man eine so gelungene Parodie auf die Neunziger Jahre, die auch in Russland ganz dem Kommerz und der Hollywood-Kultur gehörten.




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