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Contamination Europe
Von Martin Wagner

Rezension erschienen: 14.08.2011, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Markus Schüler, Verlag: msGameDevelopment, Seiten: 186, Erschienen: 2011, Preis: 9,89 $


Prognosen, dass kurz vor 2012 immer mehr apokalyptische und postapokalyptische Geschichten, egal ob in Film, Buch oder im Spiel, auftauchen, gab es einige und alle lagen richtig. Der Mythos des Endes der Welt, das angeblich von den Mayas prophezeit worden ist, führt zu einer großen Vermarktung eben solcher Geschichten. Dabei ist es scheinbar egal, wie es zum Untergang kommt: Zombies, Außerirdische, Seuchen, Asteroiden, ein fehlgeschlagenes Experiment, es gibt da tausende von Möglichkeiten.

In Contamination Europe, dem postapokalyptischen Rollenspiel von Markus Schüler und msGameDevelopment, welches es sowohl in pdf-Form als auch als Print-on-Demand-Produkt bei Lulu gibt, kommt es 2065 zu einem Atomkrieg um die letzten Ressourcen der Erde. Der Krieg dauerte nur einen Tag und die Masse an Atombomben, die abgeschossen wurden, ließen das Wasser der Erde zum Teil verdampfen. Nur wenige Menschen überlebten diesen Tag und noch weniger die Jahre danach. Vor dem Tag der Bomben gab es auf der ganzen Welt nur noch nationale Einzelstaaten, Staatenbunde waren längste zerfallen, denn die Ressourcen der Erde zwangen die Nationen sich wieder selbst der Nächste und nicht mehr für andere da zu sein.
Die Ausgangspunkte dabei sind, recht passend zur aktuellen Situation, eine Weltwirtschaftskrise und das Ende der Erdölförderung. Kleinere Kämpfe zwischen einzelnen Staaten waren von da an an der Tagesordnung, insbesondere Russland und Deutschland bekämpften sich in Europa in den 20 Jahren vor dem Atomschlag bis aufs äußerste, Superpanzer und Panzeranzüge, aber auch Grabenkämpfe und ABC-Alarm waren an der Front normal. Der Atomkrieg beendet den Krieg und die wenigen Überlebenden kämpften erst einmal nicht mehr gegeneinander sondern ums Überleben. Die schützenden Bunker mussten irgendwann verlassen und die Ödnis, die außerhalb vorherrschte musste irgendwie bewirtschaftet werden. In Europa bildeten sich in den letzten Jahren verschiedenste Fraktionen und Gruppierungen heraus, die eben diese Bewirtschaftung übernommen haben und zum Teil in den Ruinen der Städte und zum Teil irgendwo in der Ödnis leben. Bauern, Jäger, Räuberbanden, Sklavenjäger, ehemalige Soldaten, Wissenschaftler, Roboter, Mutanten und die "fleischgewordene" Seuche, leben zwar gemeinsam auf einem Kontinent, bekämpfen sich aber und es scheint fast so, als hätten sie nichts aus der Katastrophe gelernt, die vor noch nicht einmal 100 Jahren geschehen ist.

In dieser öden und düsteren Welt voller Gefahren und Feindschaften spielt das Rollenspiel Contamination Europe und passt sich dabei ganz der sogenannten "Neuen Deutschen Endzeit" an. Wie bereits die anderen Systeme dieser Strömung, so bietet auch dieses Rollenspiel neue Regeln, wobei neue Regeln eigentlich nur die Verwendung eines der seltenst verwendeten Würfel im Rollenspielbereich bedeutet, der W30, ansonsten ist eigentlich nicht so viel neues dabei.
Die bekannten Attribute, mit etwas erhöhten Werten im Vergleich zu Produkten die den W20 verwenden, damit es einfacher ist mit dem W30 darunter zu würfeln, dazu die altbekannten Fertigkeiten für eine postapokalyptische Welt und spezielle Vorteile, die an die Feats eines bekannten amerikanischen Rollenspiels erinnern, aber nicht so zahlreich sind und so gewählt wurden, dass sie stimmig sind. Besonders hervorzuheben ist die Regelung der Tragkraft. Alle Tabellen der Ausrüstungsgegenstände beinhalten eine Spalte für das Gewicht des Gegenstandes bis zur vierten Nachkommastelle und selbst Bioimplantate haben eine Gewichtsangabe. Dementsprechend wichtig sind auch die Tragesysteme, Rucksäcke, Koppeln und so weiter, werden ausführlich beschrieben. Für Letzteres und für den W30 sind wirklich keine vernünftigen Verwendungsgründe zu finden. Ein handelsüblicher W20 oder 2W10 hätten es sicher auch getan und für Tragkraft sind eigentlich keine so ausführlichen Regeln notwendig. Alles andere an Regeln ist in Ordnung, wurde schon oft genug gesehen und gespielt und bedarf somit keiner weiteren Erklärung.

Kommen wir nun zum Werk als solchem. Bunt ist es nicht, das würde aber auch nicht zur Thematik passen. Es gibt düstere futuristische Bilder und Karten Europas und einiger Städte, teilweise provozierend und kein Blatt vor den Mund nehmend, teilweise tatsächlich ansprechend postapokalyptisch. Das Artwork ist auf jeden Fall positiv zu erwähnen. Lebensumstände und Einstellungen der einzelnen Fraktionen kann auf den Bildern schon erkannt werden. Etwas merkwürdig ist aber der Panzeranzug, ich bezweifle irgendwie, dass sich irgendein Soldat darin bewegen kann ohne sich alles Mögliche zu brechen. Rein regeltechnisch wurde der Anzug immerhin so eingestuft, dass Träger immer als unbewegliche Ziele gelten.
Neben den Bildern gibt es natürlich auch noch einiges mehr. Auf weiß-grau-schwarzen Seiten folgt nach der Begrüßung und der Inhaltsangabe eine sehr knappe Beschreibung der aktuellen Situation der Welt von Contamination Europe. Danach beginnt der Regelteil, der die oben bereits erwähnten Regeln sowohl Spielleiter als auch Spielern näher bringt. Eine einfache Charaktererschaffung, Kampfregeln und Aufgabenverteilung am Spieltisch, nichts Außergewöhnliches. Das Ausrüstungshandbuch, zumeist Tabellen, die die normalen und die besonderen Gegenstände des kontaminierten Europas vorstellt und mit Werten versieht, hier finden sich auch W10 und W6 für die Schadenswürfe, folgt direkt im Anschluss und steht dem Gegnerhandbuch voran. Dieses bietet vorgefertigte Gegner, in wieder in Tabellenformat, verschiedenster Gruppierungen und auch einige verstrahlte Monster und die Seuchenmutanten, die eigentlich aus Viren und Bakterien bestehen. Zu diesen Wesen und auch zu den Fraktionen bietet das nächste Kapitel die nötigen Informationen.

Nach einem historischen Überblick über die letzten 160 Jahre folgt eine Beschreibung aller im Gegnerhandbuch vorgestellten Wesen und Fraktionen und deren Geschichte. Neue Städtenamen aber alte Sünden und verschiedenste Abartigkeiten aber auch Tapferkeit und Ehre werden hier auf verschiedene Gruppierungen verteilt. Dieser Teil des Buches ist leider der schlechteste. Zu viele Ungereimtheiten und schlicht zu wenig Recherche führen zu einer unlogischen Welt - verdampfte Ozeane aber noch Wasser zum Trinken und zum Aufziehen von Pflanzen. Dazu gibt’s Monster die aus Viren und Bakterien bestehen und sich zu einem Schwarmbewusstsein entwickelt haben und Gruppierungen, die in spätestens einer Generation durch Inzest bereits Makel in ihren Erbanlagen haben werden, beziehungsweise sogar jetzt schon haben, weil die Gruppe viel zu klein ist. Außerdem finden sich Mutanten, die neben noch strahlenden Atomkraftwerken leben, deren Kerne eigentlich nach wie vor ein Loch in die Erde schmelzen müssten, Kühlwasser gibt es ja nicht. Und es herrschen Kriege um Kohlereserven, wenn gleichzeitig Kernfusion alle Energieprobleme löst. All das und noch einige Sachen mehr kreieren eine unlogische Spielwelt. Roboter mit menschlichen Gehirnen und Androide sind dann hingegen einfach SciFi und wiederum passend.

Positiv zu erwähnen ist das beigefügte Abenteuer, "Ein paar Tage in Ki", das die Spieler und den Spielleiter behutsam ins Spiel und in die Welt einführt. Missverständnisse, Verrat und ein Bunker, dessen Aufbau nicht unbedingt logisch ist, schaffen Atmosphäre und Spielspaß.
Den Abschluss macht eine Sammlung verschiedener Tabellen, die die Regeln nochmals knapp zusammenfassen und damit schnell greifbar machen.
Im Anhang sind dann noch der Charakterbogen und der Gegnerbogen zu finden. Ersterer ist bis auf das Tragesystem und die damit verbundene Tragkraft in Ordnung.

Neben Logikfehlern gibt es im Regelwerk auch einige Rechtschreib-, Grammatik- und Formatierungsfehler, letztere besonders in den Tabellen. Ein besseres Lektorat hätte da sicher für Abhilfe gesorgt. Bei einem Produkt eines einzelnen Autoren und eines kleinen Verlages kann und sollte über diese Fehler aber hinweggesehen werden. Nerviger sind da schon die "man"-Formulierungen, die "man" irgendwann einfach nicht mehr lesen will. Vielleicht sollte da noch einmal nachgebessert werden.

Fazit: Contamination Europe ist ein weiteres postapokalyptisches Rollenspiel, das sich sofort in die Neue Deutsche Endzeit-Gruppe einreiht. Die Regeln sind, bis auf die Ausnahme des W30, dessen Verwendung nicht wirklich Sinn macht, und die Tragkraftregelung, die deutlich zu extrem angewendet wird, in Ordnung, da nicht wirklich neu. Die Bilder sind gelungen, auch wenn sie vielleicht etwas zu extrem sind. Gar nicht überzeugend ist der Hintergrund, der viel zu viele Logikfehler enthält, da werden sogar Rechtschreib- und Formatierungsfehler übersehen. Nette Idee, Umsetzung mangelhaft.




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