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Grendel
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 01.07.2000, Serie: Belletristik, Autor(en): John Gardner, Verlag: suhrkamp Verlag, Seiten: n.b., Erschienen: 1989, Preis: n.b.


Ein überirdisch häßliches Cover ziert die deutsche Ausgabe des Romans Grendel von John Gardner; ein debil grinsendes Ungeheuer, das wie eine Kreuzung aus einem Affen und dem Krümelmonster wirkt. Was sich der Suhrkamp Verlag bei der Wahl dieses verkaufshemmenden und irreführenden Titelbildes gedacht hat, ist unklar. Es dürfte jedoch mitverantwortlich dafür sein, daß dieses Meisterwerk in Deutschland nahezu unbekannt geblieben ist.

Der Name Grendel ist dem Kenner nordischer Heldenmythen als Widersacher des gautischen Kriegers Beowulf bekannt, als monströses Wesen, welches am Hof des dänischen Königs Hrodgar wütete, bis Bewolf es schließlich erschlug.

In John Gardners Roman erscheint die altenglische Sage unter vertauschten Vorzeichen. Er schreibt aus der Perspektive Grendels, des Monsters, eines wilden und einsamen Wesens, das gemeinsam mit seiner Mutter in einer Höhle lebt. Grendel ist hin- und hergerissen zwischen seinem wilden, animalischen Tötungstrieb und einem herausragenden Verstand, der ihn zur Sprache und zu einem komplexen Verständnis der Welt befähigt. Er wird zu einem Beobachter der Veränderung seiner Umgebung durch die Menschen, als diese den Wald nahe seiner Höhle besidelt. Fasziniert und erschrocken zugleich sieht er den Kriegen zwischen den einzelnen Stämmen der Skyldungen (einem dänischen Teilvolk) zu, beobachtet, wie die Menschen seßhaft werden und kleine Staatsgebilde errichten, die sich auf gewaltsame Expansion und Tributerpressung gründen. Grendel wird zum mythischen Begleiter des entstehenden Reiches von König Hrodgar, da er immer wieder die Methalle des Königs verwüstet und die Wachen erschlägt; mal aus reiner Mordlust, mal aus Hunger, mal aus Haß auf die ihm entfernt verwandten Menschen. Grendel wird somit zum dunklen Widerpart des Königs, wenn auch sein Tötungstrieb weit weniger gewaltätig und obszön wirkt als die Kriegszüge der Menschen. Von einem Drachen mit dem Segen (oder Fluch) der Unverletzlichkeit belegt, steigert sich Grendel immer weiter in seinen Haß auf die Menschen hinein, übernimmt ihre Hybris; und am Ende steht sein unausweichlicher Tod, als die Gauten an Hrodgars Hof erscheinen.

Dies alles erzählt John Gardner mit einer Sprachgewalt, die ihresgleichen sucht. Wunderschöne, kraftvolle Beschreibungen wechseln sich mit atemlos erzählten Kampfpassagen und tiefschürfenden philosophischen Betrachtungen. Ich kenne leider nur die hervorragende deutsche übersetzung, doch es ist zu vermuten, daß das englische Original noch beeindruckender zu lesen ist ist. Das Buch schwebt in einer merkwürdigen Stimmung zwischen boshafter Ironie und tiefer Schwermut; die schwankende Gefühlswelt Grendels hat John Gardner hervorragend eingefangen. Der Inhalt selbst ist vielschichtig. Es geht Gardner nicht allein um das Thema Gewalt, sondern auch um die Ausformungen staatlicher Macht, um die Herausbildung gesellschaftlicher Ordnung mit all ihren Schattenseiten, und nicht zuletzt um die Macht der Legenden und Mythen, die alle Zeit überdauern.

Ist Grendel ein Fantasyroman? Ich würde sagen, ja. Doch er übersteigt die enggefaßten Grenzen des Genres. So zeigt Gardners Ausgestaltung der frühen Wikingergesellschaft deutliche Einflüsse moderner Phantastik, ohne die Verhaftung im Mythischen zu verlieren. Und die eindrucksvolle Darstellung des Drachen erinnert augenfällig an den Drachen Smaug aus Tolkiens "Kleinem Hobbit".

Die deutsche Ausgabe ist meines Wissens nicht mehr erhältlich; interessierte Leser müssen wohl oder übel nach dem englischen Original greifen. Immerhin ersparen sie sich damit das wohl scheußlichste Cover der Suhrkamp-Phantastikreihe.




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