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Rollenspiele Im Gespräch
Dreizehn Fragen an Frank Heller
von Lars-Hendrik Schilling
12. Dezember 2008

 Frank Heller ist der Chefredakteur der Cthuloiden Welten und der führende Kopf der deutschen Cthulhu-Produkte. Er arbeitet bereits seit 1999 als freier Mitarbeiter für Pegasus und machte seinen Einstand als Autor mit dem mittlerweile legendären Abenteuer Das entsetzlich einsam gelegene Haus im Wald. Danach folgte die Kampagne Auf den Inseln und 2001 schuf er zusammen mit Tom Weghofer und Manfred Escher das Magazin Cthuloide Welten, das sich bis heute sehr gut etabliert hat und mittlerweile auf ca. 150 Seiten pro Ausgabe alles bietet, was das Cthulhu-Herz begehrt. Im August 2002 stieg der dann zum Chefredakteur der gesamten Cthulhu-Linie bei Pegasus auf.
Dieser ganze Aufwand, den der berufsmäßige Jurist so nebenbei macht, blieb nicht ohne positive Rückkopplung. So wurde Heller beim Jurypreis des Deutschen Rollenspielepreises zur Person des Jahres 2003 gekürt und die Cthulhu-Produkte sind einer der wenigen Bereiche des deutschen Rollenspiels, der steigende Verkaufszahlen zu verbuchen hat.

Im Envoyer 11/2008 erschien dann ein Artikel, in dem Frank Heller den langsamen Untergang unseres Hobbys beschrieb. Die interessante und erschreckend realistische Darstellung des Problems von der "Macherseite" machte mich neugierig, mehr über die Person Frank Heller und ihre Ansichten zu erfahren. Glücklicherweise beherrsche ich "Rufe/Vertreibe Frank Heller" und konnte so ein Interview ergattern. (Der Zauber wird in der Presseversion des Spielleiterhandbuchs beschrieben, aber ich setzen ihn ungern ein – er kostet wahnsinnig viel Stabilität…)

LORP: (1) Du hast im Envoyer 11/2008 recht überzeugend die Krise geschildert, in der unser Hobby steht. Was kann denn Deiner Meinung nach die Privatperson für das Rollenspiel tun?
Frank Heller: Das sind in erster Linie zwei Sachen: Erstens gehört dazu, sich Rollenspielbücher zu kaufen und nicht zu kopieren, auszuleihen oder sich alles selbst auszudenken. Es spricht zwar überhaupt nichts dagegen, sich beispielsweise Abenteuer immer nur selbst auszudenken, aber die Verlage leben nunmal davon, dass sie ihre Bücher verkaufen. Wenn sie sich schlecht verkaufen, kommt kein Geld in die Kasse, das für neue, weitere Bücher dann fehlt. Das ist insbesondere für kleinere Verlage fatal, die dann finanziell nicht in der Lage sind, weitere Publikationen herauszubringen. Bei den größeren Verlagen führt das Nicht-Kaufen von Abenteuern dazu, dass diese überwiegend nur noch Quellenmaterial veröffentlichen, was wiederum schlecht für diejenigen Leser ist, die sehr gerne vorgefertigte Abenteuer haben möchten. Die Absätze im Rollenspielbereich insgesamt sind nicht so riesig, dass es den Verlagen egal ist, ob jemand sich außer dem Regelwerk noch andere Bücher kauft oder nicht - vielmehr sind wir so wenige, dass die Verlage durchaus darauf angewiesen sind, dass die "Fans" eines Spiels dann auch so loyal sind und sich Folgebücher kaufen.
Die zweite Sache ist das Anwerben neuer Spieler. Wer Rollenspiel in seinem Bekanntenkreis bekannt macht und Leute "anfixt", hilft dabei, die Szene am Leben zu erhalten.
Daneben wären sicher auch noch andere Aktivitäten denkbar, etwa, bei Conventions mitzuhelfen oder einem Rollenspielverein beizutreten - aber am wichtigsten sind wie gesagt die Punkte "Bücher kaufen" und "andere anfixen".

LORP: (2) Wie sieht es da mit Deinen eigenen Aktivitäten aus? Hast Du bereits (natürlich morgens um fünf) an den Türen in deiner Nachbarschaft geklingelt und missioniert?
Frank: Aus jeder Nachbarschaft, in der ich das gemacht habe, musste ich mittlerweile wegziehen! Scherz beiseite: Neben dem Punkt "Bücher kaufen" (Ich besitze 14 Regalmeter Rollenspielmaterial) und "Leute anwerben" (In den mittlerweile 23 Jahren meiner Rollenspielerlaufbahn habe ich bestimmt dutzende Leute in meinen Spielrunden gehabt) sorge ich natürlich als Chefredakteur auch auf anderer Ebene für eine Unterstützung des Rollenspiels. Ich habe ja nunmal ein neues Rollenspielmagazin ins Leben gerufen (Cthuloide Welten), plus das englischsprachige Pendant (Worlds of Cthulhu), haufenweise Publikationen in die Läden gebracht, einen Email-Newsletter ins Leben gerufen, der seit 2003 regelmäßig erscheint, man trifft mich auf Conventions und auf dem Berliner Cthulhu-Stammtisch, dessen zuverlässigstes Mitglied ich bin. Ich widme einen Großteil meiner Freizeit unserem Hobby - mehr kann man wohl kaum verlangen.

LORP: (3) Man bekommt ja durch spezielle Cons und spezielle Rollenspielläden auch das Gefühl, dass die Szene sich mehr und mehr von Rest der Welt einfach abkapselt. Deckt sich das mit Deinen Beobachtungen und was kann dagegen getan werden?
Frank: Ich würde nicht sagen, dass wir uns abkapseln. Es sind vielmehr die Umstände unserer Zeit, die uns ein wenig in die Isolation getrieben haben. Anders als noch ca. bis 1997 sind Rollenspiele nunmal nicht mehr oder fast nicht mehr in normalen Spieleläden oder Buchhandlungen zu finden. Vielmehr muss man in der Regel ein Spezialgeschäft aufsuchen. Das führt zugleich dazu, dass wir uns vor allem um uns selbst kreisen: Man hat "sein" Spezialgeschäft, in dem man immer dieselben Leute trifft, aus denen sich dann auch die Teilnehmer an Conventions rekrutieren.
Was kann man dagegen tun? Das Wichtigste wäre aus meiner Sicht, Rollenspiele wieder in "normale" Läden zu bringen. Schmidt Spiele konnte das damals machen, weil sie ein bedeutender Spieleverlag waren und die Händler "zwingen" konnten, ihr ganzes Sortiment einschließlich Rollenspiele in die Läden zu nehmen. Nach dem Motto: "Ihr wollt Spiel X? Dann müsst ihr aber auch DSA mit in den Laden nehmen!" Das geht aber nur bei einem großen Spieleverlag, der echte Brettspiel-Hits im Programm hat, die in keinem Spieleladen fehlen dürfen. Daher finde ich es richtig, wenn z.B. Pegasus auch auf Brett- und Kartenspiele setzt. Meine Hoffnung dabei war von Anfang an, dass Pegasus irgendwann ein so wichtiger Spieleverlag ist, dass man die Marktmacht hat, auch Rollenspiele wieder in "normale" Läden zu bringen. So ganz einfach ist es aber nicht, sich auf dem Brettspielmarkt als bedeutender Faktor zu etablieren, und es ist im Zweifel ein längerer Weg.

LORP: (4) Wenn man darum weiß, einer aussterbenden Art anzugehören, was motiviert einen dann zu einer solchen Arbeit als Chefredakteur?
Frank: Als aussterbende Art sehe ich uns nicht. Wir werden zwar eher weniger als mehr, aber wir werden auch in Jahrzehnten als Rollenspieler noch präsent sein.
Meine Motivation hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Am Anfang war es faszinierend, als Macher tätig sein zu können, veröffentlichen zu können und eine gewisse Bekanntheit zu erlangen. Mittlerweile haben wir eigentlich alles erreicht, was zu erreichen war. Gegen den Trend steigen die Umsätze bei Cthulhu leicht, wir haben für unser Design den Origins-Award gewonnen, haben beim Jurypreis des Deutschen Rollenspielepreises für das Jahr 2003 in allen Kategorien den ersten Platz gemacht, wir sind international bekannt und beliebt, einige unserer Werke sind auch schon auf Englisch, Italienisch, Spanisch und Japanisch erschienen. Heute motiviert mich vor allem die kreative Tätigkeit, die Zusammenarbeit mit vielen netten Leuten im Mitarbeiterteam, und mich freut auch immer besonders, wenn ich auf Conventions oder der Messe in Essen miterlebe, wie Leute begeistert sind von unseren Sachen.

LORP: (5) Siehst Du dich dabei eher als Kultist oder als genereller Rollenspielautor? Wenn Dir Ulisses morgen ein deutlich besseres Angebot machte als Pegasus, ließest Du Dich dann abwerben?
Frank: Ich gebe den Chefredakteur ausschließlich in meiner Freizeit. Es ist also eine Hobbytätigkeit; ich bin bei Pegasus nur freier Mitarbeiter. Ich bin, weil es mein Hobby ist, auf Cthulhu gebucht. Ich könnte mir zwar vorstellen, auch bei anderen Dingen mitzuwirken, aber dann nur aus Spaß, und nicht des Geldes wegen, das im Rollenspielbereich sowieso eher dürftig ausfällt.

LORP: (6) Wie ist eigentlich so das Arbeitsklima und die Arbeitsteilung in einer solchen Firma? Sieht man sich überhaupt täglich oder werden einmal im Monat Texte eingereicht und ausgetauscht? Wie sieht ein typischer Frank-Heller-Arbeitstag aus?
Frank: Wie gesagt bin ich nur in meiner Freizeit als Chefredakteur tätig. Ich lebe in Berlin, und Friedberg, das Pegasus-Hauptquartier, liegt von hier aus ganz schön weit weg. Ich bin daher nur gelegentlich in Friedberg zu Gast und nicht in die tägliche Arbeit dort eingebunden. Kommuniziert wird in erster Linie über Email und Telefon.
Ich stehe regelmäßig um 06.00 Uhr auf, erledige Emailverkehr, gehe zur Arbeit, komme nachmittags heim und kümmere mich dann wiederum um Emailverkehr und sonstige Arbeiten, die im Rahmen der Redakteurstätigkeit anfallen. Die Abende sind in der Regel für meine Frau bzw. Treffen mit Freunden reserviert; am Wochenende arbeite ich aber auch regelmäßig für Cthulhu.

LORP: (7) Chaosium erlaubt es euch ja, eigene Cthulhuwerke zu veröffentlichen, was der Qualität des deutschen Cthlhurollenspiels sehr zugute kam. Warum machen das nicht alle so?
Frank: Ich glaube, dass Lizenzgeber ihren Lizenznehmern misstrauen. Sie scheinen zu befürchten, dass diese nicht in der Lage sind, gute Qualität zu produzieren und dadurch dem Ruf des Lizenzgegenstands schaden könnten. Daher bestehen Lizenzgeber meistens auf wortgetreue Umsetzungen ohne jede eigene kreative Leistung. Bei Chaosium herrscht hingegen die - wie ich meine sehr intelligente und lobenswerte - Philosophie, dass sie einem zugestehen, dass man schon selbst am besten weiß, was den jeweiligen Markt interessiert, und man auch in der Lage ist, qualitativ hochwertige Sachen abzuliefern. Das ist aber bei Chaosium ein langer Prozess gewesen; als es 1986 mit Cthulhu in Deutschland losging, waren ihre Lizenzvorgaben sehr viel enger als 1990, als der nächste Lizenznehmer Cthulhu auf Deutsch herausgebracht hat, und erst seit Pegasus Cthulhu macht, gibt es kaum noch Einschränkungen.

LORP: (8) Wie sieht es eigentlich in der Redaktion mit Nachwuchs aus? Wenn Du morgen von Shub-Niggurath zertrampelt würdest, wer könnte Deinen Posten übernehmen? Oder bist Du unersetzlich?
Frank: Da ich das jetzige Cthulhu-Team aufgebaut habe und auch alle "Institutionen" des heutigen Cthulhu in Deutschland ins Leben gerufen habe, etwa das Magazin Cthuloide Welten, den Newsletter usw., wäre es wahrscheinlich nicht ganz einfach, mich vollständig zu ersetzen. Ich bin auch der Einzige in der Redaktion, der alle Veröffentlichungen kennt und gelesen hat, sowohl englischsprachige wie von uns selbst. Aber irgendwer würde sich schon finden, falls ich irgendwann einmal ausfallen sollte. Mit einem gewissen Umbruch wäre das aber wahrscheinlich schon verbunden, und insbesondere um den Fortbestand der Cthuloide Welten müsste man wohl bangen.

LORP: (9) Du hast auf die große Bedeutung von Einsteigerrollenspielen hingewiesen und Quest als kommenden Versuch von Pegasus aufgeführt. Kannst Du dazu mehr verraten?
Frank: Für nähere Details wendet Euch besser an den Chefredakteur Alexander Dotor. Ich bin in die Entwicklung von Quest nicht involviert, es wird aber nach meinem Kenntnisstand eine Vermischung von Brett- und Rollenspielelementen sein, mit Schwerpunkt auf Rollenspiel, aber eben auch einer Brettspielkomponente.

LORP: (10) Pegasus hat als weiteres Standbein ja notwendigerweise auch eine große Palette an Brettspielen. Hinzu kommenden die vielen Rollenspielartikel. Wo kommen die eigentlich her? Habt ihr so eure Kontakte oder werden die an euch herangetragen? Wenn ich morgen ein großartiges Rollenspielssystem, ein (im Wortsinne) wahnsinnig tolles Cthulhuabenteuer oder ein genials Brettspiel erfinden würde, könnte ich mich da an euch wenden oder seid ihr mittlerweile so groß, dass ihr auf die Leute zugeht, die sich bereits einen Namen gemacht haben?
Frank: Bei Cthulhu bin ich der richtige Ansprechpartner. Für andere Rollen-, Brett- oder Kartenspiele müsste man sich an den jeweils Verantwortlichen wenden, der dann auch alle Fragen beantworten kann. Bei Cthulhu bin ich an Einsendungen immer interessiert. Besonders viele unverlangte Einsendungen bekommen wir nicht, oft nur zwei, drei im Jahr. Wir sind daher immer darauf angewiesen, Autoren gezielt anzusprechen, sonst hätten wir gar nicht genug Material.

LORP: (11) Bist Du eigentlich braver Pegasuskunde? Spielst Du häufig Munchkin oder Junta oder so?
Frank: Wie ich schon sagte, ich bin Cthulhu-Fan. Mich interessiert in erster Linie Cthulhu, und mit den meisten anderen Pegasus-Publikationen habe ich nichts weiter zu tun. Ich spiele allerdings durchaus gerne Munchkin oder Zombies. Auch spiele ich gelegentlich mal Kill Doctor Lucky, Black Stories und Cash ‚n’ Guns - ich bin also nicht auf Pegasus festgelegt. Das ist in der Szene aber auch ganz normal; so ist beispielsweise der Geschäftsführer von Ulisses Spiele, Markus Plötz, großer Cthulhu-Fan.

LORP: (12) Gen Ende noch einmal eine recht persönliche Frage: Welche religiöse Einstellung hat ein Mann, der berufsmäßig von den Machenschaften böser Götter berichtet?
Frank: Ich wäre schrecklich gerne gläubig, da ein Glaube an ein Paradies etc. bestimmt etwas sehr Erfreuliches ist und es einem besser geht, wenn man an ein Leben nach dem Tod glauben kann. Leider sehe ich mich als aufgeklärter Mensch nicht in der Lage, an Götter welcher Couleur auch immer zu glauben, und würde mich daher als Atheist bezeichnen.

LORP: (13) Zum Schluss hast Du noch einen Freischuss. Was wolltest Du uns allen schon immer sagen?
Frank: Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn!

Ich danke für das Gespräch.

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